Reflexionen zum Abschluss des bundesweiten Projekts der Frauenseelsorge
"Wer wird den Stein wegrollen?"


An 30 Orten in ganz Deutschland hat der Stein seine Spuren hinterlassen - dieser Stein, der im Mittelpunkt des bundesweiten Projekts der Frauenseelsorge "Wer wird den Stein wegrollen?" steht. Ein Jahr lang, von Ostern bis Ostern, hat er zwischen den Orten seine Spur gezogen, sich eingegraben in die Erfahrungen vieler Frauen und Männer, die ihm begegneten. Ca. 6.300 km weit war sein Weg. Manche Entfernungen, die er überwand, sind nicht nur in km messbar, etwa jene zu unserem Partnerinnen- Projekt in Palästina/Israel, das durch den Stein lebendig wurde. Im Internet dann überschritt er unsere üblichen Raumvorstellungen.

"Wo finden wir Gott? Wo sind heute Orte der Gotteserfahrung?" - diese Frage stellten wir uns, als wir dieses Projekt planten. "Gott ist nicht exklusiv in den Häusern aus Stein, in den Kirchen, die für ihn gebaut wurden, sondern Gottesfahrung ist an allen Orten möglich." - Diese Erfahrung, die wir in der Frauenseelsorge immer wieder machen, war unser Ausgangspunkt. Deswegen haben wir diesen Stein an so unterschiedlichen Orten aufgestellt: auf der Expo, in Messehallen, in einer Landesgartenschau, im Reichstag in Berlin, auf öffentlich zugänglichen Plätzen, natürlich auch in Klöstern und Kathedralen - und im Internet, auch jetzt noch unter www.der-stein.de und bis Pfingsten auch in der virtuellen Kirche der Internet-Stadt funcity. Die grosse Resonanz, die dieser Stein an den verschiedenen Orten fand, hat mit dieser Erfahrung zu tun. Dies spürten die Menschen, die dem Stein begegneten: Gott kann ich an vielen Orten begegnen. Denn: Denen, die suchen, ist Gott nahe.

Ein Zweites:
Dieser Stein ist ein Stein, an dem man scheitern kann.
Er ist nicht nur ein Symbol für etwas, das man in Gedanken hin und herbewegt, ohne grösseres Risiko. Nein, dies war ein Projekt mit einem grossen Ernst. Der Stein hätte zerbrechen können, bei jedem einzelnen der 30 Transporte, die von den Stationen je individuell organisiert wurden. Nie wurde der Transport zur Routine, auch nicht für erfahrene Steinmetzinnen und Steinmetze.
In der Auseinandersetzung mit diesem Stein geht es um eine Grenzerfahrung. Möglicherweise schaffen wir es nicht, dieses Risiko war uns die ganze Zeit bewusst. Scheitern ist jederzeit möglich. Was, wenn er zerbricht? Der Ernstfall ist nicht eingetreten. Warum sind wir ein solches Risiko eingegangen? Wir wollten zeigen, dass Fragen von Frauen Fragen von Gewicht sind. Was Frauen bewegt, sind nicht Luxusfragen oder Bagatellen. Es sind Fragen der Existenz, Fragen, die mit der Qualität unseres Zusammenleben, persönlich, politisch, in der Kirche und zwischen den Kulturen und Religionen auf das Engste zusammenhängen.
Ich wage die These: Der Stein blieb heil, weil die vielen, die für den Stein sorgten, eine grosse Wachheit für das Schwere und das zugleich Brüchige heutiger Lebensfragen haben - und mit eben dieser Achtsamkeit auch diesen Stein behandelten. Und er blieb heil, weil die Frauen, allen Unkenrufen zum Trotz, zusammen diesen Stein schulterten, in Kooperation oft mit Männern. Und siehe, der Stein verlor an Gewicht. Vor allem aber blieb er heil, weil die Frauen an einer unbändigen Hoffnung festhalten wollten und festhielten: die Hoffnung, dass das unmöglich Scheinende möglich ist. Diesen 1000 kg schweren Stein zu bewegen, wurde zum Ernstfall der Hoffnung, zum Ernstfall des Festhaltens an der Botschaft des Evangelium.

Ein Drittes:
Der Stein zog seine Spur, doch in einer oft sehr eigenwilligen Weise. Er zwang uns zum Warten. Wie oft brachen die Zeitpläne zusammen, weil er noch auf der Autobahn war, weil er sich in die Hektik unserer Zeitkorsette nicht einschnüren liess. Dies war auch eine heilsame Erfahrung. Wir bekamen ein Gefühl für eine Kultur gelassener Trägheit, die etwas geschehen lassen kann. Dies ist etwas Sperriges in einer Zeit, die von Umtriebigkeit, Hektik und dem ensprechenden Leerlauf auch in den Kirchen geprägt ist.

Ein Viertes:
Eine Beobachtung: An vielen Orten bekam der Stein, bevor er überhaupt ankam, einen Namen. Er hiess: DER STEIN. Was bedeutet das? Der Stein stand offenbar nicht nur für das zu Überwindende, sondern er wurde wahrgenommen, wurde ertastet als etwas, was Kraft, was Dauer ausstrahlt. Eine Kraft, von der manche Frau den Eindruck hatten, dass diese auf sie überging.
Von welcher Kraft sprachen die Frauen hier? Ich meine, es ist die Kraft des Widerständigen, die Kraft des Widerstehens. Es ist die Erfahrung: In mir ist eine Kraft, die mich aufrichtet. Dass diese innere Kraft etwas mit einer Verbindung zu Gott zu tun hat, wurde in nicht wenigen einzelnen Begegnungen am Stein zum Thema, insbesondere auch dann, wenn die Beziehung zum Glauben verschüttet war. Solches war nur möglich, weil der Stein berührbar war. Nur deswegen konnte er auch die Menschen berühren.

Ein Fünftes:
Die Ausgangsfrage war, pastoral formuliert: Ist es möglich, die Ostererfahrung heute noch in Lebendigkeit mit dem eigenen Leben zu verbinden? Das Thema unseres Projekts ist ja nicht neu: die Ostergeschichte aus der Sicht von Frauen. Auch der Stein ist ja nicht neu, im Gegenteil. Unser Ansatz war nicht die Ostererfahrung selbst, sondern wir wollten die Sehnsucht nach der Ostererfahrung wecken. Die Frage: "Wer wird den Stein wegrollen?" ist die Frage, die nach der Ostererfahrung ruft. Die Schrift, welche die Steinmetzinnen und Steinmetze der Dombauhütte Köln aus dem Stein herausholten, wurde zu einem Ruf "Wer wird den Stein wegrollen"! - ein Ruf, der zu einem vielstimmigen Chor von Frauen anschwoll: Es waren mindestens 30.000 Frauen, die einstimmten in diesen sehnsuchtvollen Ruf nach der Ostererfahrung "Wer wird den Stein wegrollen?" - So können wir heute antworten "Seht der Stein ist weggerollt".

Was ist das Ergebnis?
Am Ende des Weges stehen nicht eine spektakuläre Verlautbarung, kein neuer Forderungskatalog. Dazu sind die Fragen der Frauen zu schwergewichtig, als dass wir das Wegrollen des Steins neu erfinden könnten.
Hier einige Einsichten, die wir in diesem Projekt gewannen:

  • Es geht darum, Gewichte zu verschieben.
    Dies bedeutet z.B: Eine Option für Frauen ist gerade heute in der Gesellschaft und
    in der Kirche wichtig. Unser Projekt zeigt: Wenn Frauen ihre Erfahrungen
    zusammentragen und gemeinsam einbringen, so kann dies prophetisch sein für die
    Gesellschaft, für die gesamte Kirche. Auch die Kirche sollte ihre Angst vor dieser
    Kraft der Frauen ablegen und die Fragen von Frauen stattdessen als
    Herausforderung zum Wachstum verstehen.
  • Es geht darum, Schwer-Punkte zu setzen. Wir werden nicht alles schultern können. Es ist schwer zu ertragen zu hören, "wie die Steine schreien", weil die Menschen nicht sprechen, wie es in einem Bibeltext heisst. Doch die Konzentration auf einen "Stein" ist gut, um langfristig wirken zu können. Wir können dies tun, weil wir erlebt haben: Die Beharrlichkeit der Frauen ist gross.
  • Es geht darum, Ungleichgewichte auszuhalten. Ich denke hier z.B. an den empfindlichen Prozess der Ökumene, in den wir uns ja auch hier eingelassen haben. Wir haben es selbst nur sehr unvollkommen geschafft. Doch wir sind ans Ziel gekommen, wenn auch humpelnd und mit Blessuren. Wir stehen heute zusammen hier. Das ist wichtig. Die ökumenischen Erfahrungen von Frauen sind eine Ressource für die Kirchenleitungen. Sie sollten sie nutzen.
  • Es geht darum, Abstände zu überwinden.
    Ich denke hier an die weltweite Vernetzung von Frauen, innerhalb unseres Landes und zwischen Kontinenten und Religionen. Von unserem Partnerinnen-Projekt "Women Advocating for Peace" können wir viel lernen über die Arbeit an "Steinen". Als ein kleines Zeichen unserer Solidarität gerade jetzt mit der kaum auszuhaltenden Situation in Israel/Palästina haben wir begleitend zu unserem Projekt Anstecktauben gegen Spende abgegeben. Hier die Summe, die beim Sammeln der Spenden zusammengekommen ist: Abzüglich der Herstellungskosten der Anstecktauben sind bis zum 11. April 2001 auf das Spendenkonto eingegangen: DM 25.974,41. Das Spendenkonto bleibt noch bestehen. Wir werden Sumaya Farhat-Naser, die leider heute nicht hier sein kann, dieses Geld für das Projekt überweisen.

Ein Jahr voller Erfahrungen ist zu Ende. Feiern wir Ostern. Feiern wir: "Seht, der Stein ist weggerollt" . Und bleiben wir wach und mutig angesichts der Steine, die noch von der Fülle des Lebens abschneiden. Erheben wir immer wieder die Stimme, damit die Stimme der Sehnsucht, der Ruf der Frauen nach Veränderung nicht verstummt: "Wer wird den Stein wegrollen?"

Dr. Ingeborg Tiemann
Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz


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Wer wird den Stein wegrollen?