Optionen zur Übergabe des Steins

Ostermontag, 16.April 2001, Kloster Helfta

 

Barbara Bagorski, Eichstätt, Mitglied des Vorstands der bundesweiten katholischen Arbeitsgemeinschaft Frauenseelsorge, spricht für die katholische Frauenseelsorge

Vieles ist in den Veranstaltungen, die hauptverantwortlich von der Frauenseelsorge durchgeführt wurden, durch den Stein ins Rollen gekommen. Die Arbeitsgemeinschaft Frauenseelsorge wünscht, dass der Stein von Helfta aus dazu anstößt, dass die Ökumene, die in der Frauenarbeit starke Wurzeln geschlagen hat, sich kräftig weiter entfaltet. Auch wenn der Weg manchmal steinig ist: Ökumene weist uns die Richtung.

Es geht auch darum, Räume zu schaffen, in denen Frauen verschiedenster Nationalitäten, Konfessionen und Religionen ihre unterschiedlichen Sichtweisen zur Sprache bringen und gemeinsame Wege zur Schaffung von freiheitlichen Lebensräumen zu finden. Der Stein lädt aus unserer Sicht auch dazu ein, Gewalterfahrungen, die in einem religiösen oder kulturellen Kontext gründen, zu benennen und miteinander für die Befreiung von Unterdrückungsstrukturen zu kämpfen.

Ein Schritt auf diesem Weg ist die Vertiefung der bestehenden Kontakte zu den Verantwortlichen des Projekts "Women Advocating for Peace", durch deren Arbeit ein Netzwerk der Verständigung zwischen Menschen in Palästina und Israel geknüpft wird. Wir streben eine langfristige Partnerinnenschaft an.

Die Förderung der Begegnung von Frauen verschiedenster Herkunft und Prägung kann auch in Zukunft viele Steine des Unverständnisses und der Fremdheit ins Rollen bringen.

Barbara Striegel, Merseburg, spricht für die Frauen im Bistum Magdeburg

So wie die Auferstehung Jesu, angesichts des weggerollten Steines, für die Frauen ein Wunder war, so nahmen auch die Menschen den friedvollen Verlauf der Wende, den schnellen Zusammenbruch eines totalitären Regimes, als ein Wunder wahr. Die Geschehnisse der letzten Jahre, sie sind auch die Voraussetzung dafür, dass dieser Stein hier in Helfta seinen Ort findet. Doch nach zehn Jahren deutscher Einheit ist die Mauer in den Köpfen vieler Menschen immer noch präsent und prägt ihr Verhalten zu einander.

Das betrifft auch uns Frauen. Die Einen haben den Blick nicht frei, angesichts der gravierenden Veränderungen in ihrem Leben und der damit verbundenen Probleme. Die Anderen reagieren zum Teil mit Desinteresse oder sehen in der Wiedervereinigung eher eine Belastung denn eine ihnen sich eröffnende Chance. So wird der Stein auch zum Symbol der Öffnung zwischen Frauen aus Ost und West. Denn wo sich Frauen hierher auf den Weg machen, sich in den Blick nehmen und sich einander in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen wahrnehmen, wird Begegnung gelingen, kommt etwas ins Rollen und wird sich uns Wunderbares eröffnen.

Ulrike Taggeselle, Eisleben, spricht für die Frauen in der Evangelischen Landeskirche

Als evangelische Christin im Mansfelder Land erlebe ich uns Frauen hier in der Spannung, wie sie das Thema unseres ökumenischen Frauenfestes ausdrückt. Einerseits: "Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?" Andererseits: "Seht, der Stein ist weggerollt!" Sehr junge Frauen müssen sich entscheiden zwischen hier bleiben oder weggehen. Zwischen wenig Aussichten auf berufliche Entwicklung oder Entwurzelung.

Dazwischen stehen viele Frauen, die von der hohen Arbeitslosigkeit betroffen sind, die mühsam nach neuen Perspektiven für sich suchen. Frauen, die mutig beginnen, ihre Ideen umzusetzen und sich zum Beispiel selbständig machen. In dieser Spannung stehen auch die Christinnen in diesem Landstrich. Sie erleben sich in einer Umwelt, in der ihr Glaube nur noch in kleinen Gruppen gefragt ist und haben doch das unbändige Vertrauen in Gottes Geist und Kraft, die immer wieder Leben und neuen Mut in uns weckt.

Schwester Judith Hensel spricht für die Schwestern des Klosters Helfta

Als wir zum ersten Mal von diesem Stein erfuhren, dass er aus dem Heiligen Land kommen, durch Deutschland rollen und dann für immer hierher nach Helfta kommen soll, erfüllte uns große Freude. Warum? Nun, einmal empfanden wir es als etwas ganz Schönes und Großes, dass wir auf Dauer ein Stück Gestein aus dem Heiligen Land hier haben dürfen, in dem Jesus sein Erdenleben verbracht hat. Vielleicht ist er auch einmal über den Berg gewandert, in dem dieser Stein damals schlummerte. So bringt er uns einen Hauch aus der irdischen Heimat Jesu mit. Ferner: Er ist ein Abbild jenes Steines, der den Frauen auf ihrem Weg zum Grab solche Sorge machte. Wer wird uns den Stein wegrollen? Und dann war er schon weg! Und so ist dieser Stein uns ein Hoffnungszeichen: Auch hier hat Gott schon sehr viele Steine weggerollt. Und er wird auch die, die da noch liegen oder in Zukunft auf uns zukommen, uns wegrollen oder doch wegrollen helfen. Und endlich: Beim Anblick dieses Steines stehen vor unseren Augen all die von Licht umstrahlten Szenen, die uns die Bibel vom Ostermorgen berichtet: die Begegnung Jesu mit den Frauen, die ihn salben wollten; seine Begegnung mit Maria
Magdalena. Ich will es gar nicht verhehlen, dass es uns mit Freude und Stolz erfüllt, dass Frauen als erste sich am Grab aufmachten, dass Frauen als erste den Auferstandenen sehen und mit ihm sprechen durften, als erste die Botschaft von der Auferstehung verkünden durften. Und so denken wir, ist der Stein hier, an diesem "Frauen-Ort", am rechten Platz.

 Kanon: Mackscheidt/Gensler-Schäfer


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Wer wird den Stein wegrollen?